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Eigentlich ist ein Tor riesig: 7 Meter 32 breit und 2 Meter 44 hoch. Bei einem Schuss aus elf Metern sind die Ecken für den Torwart fast unerreichbar, zumal er nicht die Option hat, entgegen zu laufen und den Winkel zu verkürzen, da er sich beim Strafstoß nicht mehr von der Linie bewegen darf. Trotzdem hoffen die Anhänger der betroffenen Mannschaft, dass der Torhüter den Ball hält. Aber welche Chancen hat ein Torhüter überhaupt, einen Torerfolg des Gegners zu verhindern? Wie kann er die anvisierte Torecke des Schützen besser vorausahnen? Wissenschaftler sind diesem Phänomen schon seit längerem auf die Spur. Goalguard.de fasst für euch die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.

Erkenntnis 1: Auf die Stellung des Standbeines achten!

Die Stellung des Standbeines lässt Rückschlüsse zu, wohin der Ball geht. Wenn man sich selbst einmal bei der Ausführung eines Elfmeters beobachtet, kann man feststellen, was der englische Forscher Marc Williams auch herausgefunden hat: „Wenn der rechte Fuß den Elfmeter schießt, dann wird die Fußspitze des linken Fußes leicht zur rechten Seite des Torhüters zeigen, wenn der Ball in dieser Seite des Tores landen wird.“

Erkenntnis 2: Die Stellung der Hüfte gibt Rückschlüsse!

Psychologen der Universität Hongkong fanden heraus, dass der Torhüter beeinflussen kann, in welche Ecke der Schütze den Ball platziert. Wenn der Torhüter nämlich nicht genau in der Mitte steht, zielt der Schütze häufiger auf diese Seite, auf der mehr Platz bleibt. Die Forscher stellten fest, dass der Schütze diese Stellung des Torhüters bereits wahrnimmt, wenn er 10 cm und mehr versetzt zur Seite steht. In sechs von zehn Fällen kickte der Schütze den Ball tatsächlich in die offenere Torecke. Die Folgerung für den Torhüter aus dieser Untersuchung wäre also, leicht versetzt zur Tormitte zu stehen, um den Schützen dazu zu bringen, den Ball in die breitere Torhälfte zu schießen. Der Torhüter könnte dann zeitgleich mit dem Schützen in einem Hechtsprung in die von ihm provozierte Torecke springen.

Eigentlich chancenlos

Allerdings sollte man Torhütern nicht zu viel Hoffnungen machen, denn Sandra Johanni, selbst Torhüterin in der Frauenmannschaft des SC Regensburg, kommt in einer Untersuchung am Institut für Mathematik der Uni Erlangen-Nürnberg in ihren Berechnungen zum Schluss, dass der Torhüter rein rechnerisch chancenlos ist, wenn der Ball platziert geschossen wird. So braucht der Ball, der eine Geschwindigkeit bis zu 100 km/h erreicht, bis zum Tor nur etwa eine halbe Sekunde. Auch sehr gut trainierte Torhüter benötigen eine Reaktionszeit von mindestens einer Viertelsekunde. Also bliebe dem Torhüter noch eine Viertelsekunde, um den Ball zu erreichen. Um einen gut geschossenen Ball abwehren zu können, müsste er mit einer Geschwindigkeit von 35 km/h durch die Luft fliegen. Das ist ihm aber unmöglich, denn er müsste aus dem Stand schneller sein als ein Hundertmeterläufer sprintet. Ein Torwart kann also gar nicht schnell genug sein, um einen guten Schuss zu parieren. Daher machen schon viele Torhüter automatisch das, was ihre Chance erhöht: Sie entscheiden sich für eine Ecke, die sie gezielt und im Hechtsprung ansteuern. Dadurch sparen sie die Reaktionszeit und müssen nach den Berechnungen Frau Johannis nur noch 18 km/h erreichen, was für einen austrainierten und dadurch explosiven Torhüter ein erreichbarer Wert ist.

Störaktionen des Torhüters verunsichern den Schützen

Ein platzierter Schuss in die Ecke ist normalerweise für Profifußballer kein Problem. Ein Problem entsteht für den Schützen aber durch die spezielle Situation, in der er sich befindet. Denn von ihm wird erwartet, dass er den Elfmeter „versenkt“. In dieser Situation werden enorme Stresshormone ausgeschüttet. Verstärkend zu diesem inneren Erwartungsdruck kommen die äußeren Einflüsse hinzu (Atmosphäre in Stadion, Verriss in den Medien bei Versagen …). "Der Einzige, der verlieren kann beim Elfmeter, ist der Schütze", stellte Oliver Kahn einmal fest. Alle diese negativen Gedanken muss der Schütze ausschalten, alle Ablenkungen von außen durch einen „Tunnelblick“ beiseite schieben können. Er muss sich also allein auf den richtigen Bewegungsablauf beim Schuss konzentrieren. Und darin liegt für den Torhüter die große Chance: Der Torwart muss versuchen, den Schützen in der Konzentration auf den sicheren Bewegungsablauf zu stören und zu verunsichern. Dies kann er durch Bewegungen erreichen, die die Konzentration des Schützen beeinträchtigen: Durch rudernde Armbewegungen, durch Trippeln mit den Beinen, oder durch Aktionen, wie sie Jens Lehmann bei der WM 2006 vorführte, indem er einen Zettel aus dem Stutzen hervorzog, dessen Inhalt für den Schützen unbekannt war, er sich dadurch verunsichern ließ und den Strafstoß verschoss.

Die niederländischen Torwart-Legende Edwin van der Sar (Ajax Amsterdam, Juventus Turin, Manchester United) arbeitete mit ähnlichen Methoden. Im Champions-League-Finale im Mai 2008 beim Elfmeterschießen brauchte er extrem lange, bis er seine Position im Tor eingenommen hatte. Der Schütze sollte dadurch in seiner Konzentration gestört werden. Im Tor angekommen, nahm er die Hände nach oben und zeigte somit dem Schützen seine Größe und sein Selbstbewusstsein an. Allein diese mächtige Körpersprache sollte dem Schützen Versagensangst einflößen. Nachdem dies alles nichts nützte, zeigte er kurz vor der Ausführung des Strafstoßes dem Schiedsrichter noch einmal an, dass der Ball falsch liege, um den Schützen wieder aus der Konzentrationsphase zu bringen.

Man kann darüber streiten, ob solche Psycho-Spielchen vor der Durchführung des Elfmeters noch im Bereich des Fair Play liegen oder die Grenze bereits überschritten haben. Und ob der Zweck immer alle Mittel heiligt, bleibt dahingestellt. Ihre Wirkung auf den Schützen haben diese Aktionen schon oft nicht verfehlt.

Sinnvolle Hilfen

Die wohl beste Methode, die zumindest im Profi-Bereich inzwischen üblich ist, ist die Analyse der gegnerischen Elfmeterschützen im Vorfeld. Viele Torwarttrainer sammeln inzwischen Informationen über die Elfmeterschützen, um daraus Wahrscheinlichkeiten abzuleiten. Denn viele Schützen bevorzugen die Torecke, in der sie sich sicherer fühlen. Kennt man diese Vorlieben, kann man seinen Torhüter darauf vorbereiten. Hilfreich können selbstverständlich auch unsere Untersuchungsergebnisse sein. Bei der Analyse von über 1500 Elfmetern hat Goalguard herausgefunden, welche Torecken und welche Torhälfte Rechts- bzw. Linksfüßer besonders häufig wählen. Auch mit diesen Daten lässt sich eine gewisse Wahrscheinlichkeit ableiten.

Der Dortmunder Physiker Metin Tolan hat in seinem Buch „Manchmal gewinnt der Bessere“ errechnet, dass der Schütze gegenüber dem Torhüter deutlich im Vorteil ist. Denn ihm stehen 78 % der Torfläche zur Verfügung, da der Torhüter nur 22 % des Tores abdecken kann. Auch ein anderer Anhaltspunkt bestätigt diese Einschätzung. "Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 25 Prozent, dass der Torwart hält", sagt der Physiker Tolan. Fair ist dieser Zweikampf zwischen Schütze und Torhüter also nicht. Möglicherweise haben viele Fans auch ohne diesen Zahlenhintergrund bereits das feine Gespür für die schwierige Situation des Torhüters und feiern ihn deshalb als Helden, wenn er einen Elfmeter hält.

Analyse

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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