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Samstag, 17 Uhr. Tatort: Bundesligastadion. Ein 18-jähriger Bursche wird für einen erfahrenen Profi eingewechselt und darf seine ersten Profi-Minuten auf der großen Showbühne Bundesliga erleben. Für den Jungspund ein unvergesslicher, höchst emotionaler Moment, der ihn den dauerhaften Eintritt in die Geldmaschine Profifußball ein ganzes Stück näher bringt.

Setzt er sich jetzt noch spektakulär in Szene, nutzt er auch in den darauffolgenden Spielen seine Chance, ja, dann ist er geboren, der neue Shooting-Star, der neue Hoffnungsträger, der von nun an Verein und Umfeld begeistern wird. Der Fan ist außer sich vor Freude. Endlich mal wieder ein Eigengewächs, der nette Junge aus dem eigenen Stall, dem wie kaum ein anderer die Vereinsfarben gut zu Gesicht stehen. Der Berater reibt sich die Finger. Denn von nun an wird richtiges Geld verdient. Die fördernden Trainer seiner Jugendstationen fühlen sich in ihrer eh schon festzementierten Fachkompetenz endlich bestätigt und der Schrei des „Den habe ich geformt!“, hallt laut durch alle Räume. Die „Das hat er bei mir gelernt!“ – Angeberei breitet sich aus und die Gazetten sind auf der Suche nach dem neuen Topausbilder Deutschlands.

Torwarttrainer Andreas Köpke in einer DiskussionAlles berechtigte und menschliche Reaktionen. Doch wie viel Wahrheit steckt denn tatsächlich dahinter? Wie viel Anteil haben der Ausbildungsverein und die in ihm Wirkenden tatsächlich? Prozentual nicht auszudrücken, gefühlsmäßig schon. Denn der strategisch geplante Ausbildungsauftrag ist aufgegangen und gegenseitiges Schulterklopfen darf erlaubt sein. Beteiligt an der Entwicklung eines neuen Bundesligaprofis waren aber nicht nur eine Person, sondern viele! Die Scouting-Abteilung hat richtig recherchiert, vor allem aber, perspektivisch gesehen, richtig hingeschaut. Mehrere Jugendtrainer haben Ihre Kompetenz und Zeit investiert, die noch fehlenden Puzzleteile zusammengeführt und das Vorankommen eines hochtalentierten Talentes leidenschaftlich gefördert. Zu guter Letzt hatte der Profitrainer den Mut, einen Nobody ins kalte Wasser zu werfen. In einem Gewässer, in dem sich viele weiße Haie herumtreiben.

Den Hauptanteil an dem sportlichen Aufstieg hat der Spieler aber selbst. Er hat es als einziger von etwa 25 U19-Kaderspielern, allesamt mit dem gleichen Traum vom Bundesligaprofi ausgestattet, geschafft. Er steht von nun an im Rampenlicht, und der nicht geringe Rest seiner ehemaligen Mitspieler muss sich die Spiele ihrer neuen Mannschaft, einer viert- oder fünftklassigen U23, zumeist von der Tribüne anschauen.

Der Wille in Person: Oliver KahnNein, die Gene, das Talent waren ausschlaggebend. Ohne sie wäre nichts möglich gewesen! Oder hätte ein Oliver Kahn oder ein Manuel Neuer es woanders nicht geschafft? Ich glaube, wohl kaum! Was für den Feldspieler gilt, gilt für den Fußballtorwart natürlich genauso. Der Wille, das Talent und der Fleiß, hart an sich arbeiten zu wollen, sind die ausschlaggebenden Wegweiser eines jungen Fußballers. Die wichtigen Zutaten der Trainer kommen ergänzend hinzu. Nicht mehr, aber natürlich auch nicht weniger! Eine besondere Bedeutung, insbesondere im Profifußball, kommt demnach dem Scouting zu. Die Absprache zwischen den diversen Abteilungen könnte z.B. so aussehen. Die Forderung der sportlichen Leitung nach neuen Eigengewächsen mit Profi-Pozential ist natürlich dann berechtigt, wenn die entsprechenden Voraussetzungen im Vorfeld geschaffen worden sind. Denn auch das beste Trainerhandwerk erfährt unüberwindbare Grenzen, wenn die zuvor gesichteten Kandidaten nicht das genetische Rüstzeug mit sich bringen. Denn aus einem Ackergaul macht man bekanntermaßen kein Rennpferd.

Noch bildlicher ausgedrückt: Besitzt ein knapp 17-Jähriger nur die automobilen Gene eines, wenn auch sehr guten, Kompaktwagens, bleibt ihm der Eintritt in Deutschlands 1. und 2. Eliteliga, in denen die Perfektion der Oberklasse verlangt werden, versperrt. Denn zaubern können Trainer ja nun einmal nicht. Der gute Trainer steuert seine unverzichtbaren Prozentpunkte zu einer Sportlerentwicklung durch wirksames Training und lehrreicher Ratschläge bei, kann aber die möglicherweise fehlenden, zu vielen 25-30 Prozentpunkte, nicht korrigieren.

Der zuvor geplante und von nun an abrupt gestoppte Höhenflug eines jungen Spielers provoziert im Verein manchmal unnötige, ach was, lächerliche Schuldzuweisungen. Der Scout, immer noch von seinem Adlerauge geblendet, bemängelt die Trainerarbeit. Die sportliche Leitung, die sowieso für alles den theoretischen Kopf hinhalten muss, fährt die verbalen Ellenbogen aus und schießt gegen alle. Und der Trainer, der in diesem Fallbeispiel eine wirklich gute Trainerarbeit abgeliefert hat, kommt in unnötige Erklärungsnot. Alles „Kasperle Theater“. Tatsache ist: Der weit überschätzte und die von Beginn an falsch eingeschätzte „Werdegang-Prognose“ dieses einen Spielers reichte ganz einfach für den Eintritt in den Profisport nicht aus, und das so hoch gepriesene Adlerauge des Scouts entpuppt sich letztendlich als wehtuendes Hühnerauge. Daher benötigt gerade das Torwartspiel den Spezialistenblick. Den Blick eines Ex-Keepers, der den speziellen Typus im Kasten nicht nur von außen her beurteilen, sondern sein Innenleben fühlen und nachvollziehen kann. Da die Einstellung eines Spezialisten für diese Spielposition anscheinend nicht von jedem Verein, warum auch immer, zu leisten ist, sollte doch zumindest die Lernbereitschaft bei kompetenten Ratschlägen aus dem Torhüterlager da sein. Denn das Fundament für den Aufstieg eines neuen Torwarteigengewächses wird hier gelegt.

Urs Siegenthaler, einer der bekanntesten Spielebeobachter und Jogi LöwWichtige Hilfestellung wird mein Scoutingbogen geben, der die schwer bzw. kaum zu trainierbaren Torwarteigenschaften anzeigt und dadurch auch dem Laien eine verbesserte TW-Auslese ermöglicht. Wie eine Brille, die den Blick für das Wesentliche schärft! Auf eine Wettkampfstatistik, die alle Aktionen des Torhüters im Spiel erfasst, wird verzichtet. Auf ein Programm, das anschließend alles auswertet, erst recht! Und das ist definitiv beabsichtigt! Denn jedes Spiel ist anders, jede Situation, auch wenn sie sich mit den vorherigen noch so ähnelt, nicht gleich. Oder kann ein Programm die Unterschiedlichkeit diverser Flankenbälle tatsächlich einordnen, kann es die unterschiedlichen Drucksituationen im Wettkampf tatsächlich beurteilen? Den Faktor Zeit und Spielstand berücksichtigen?

Notizen sind nicht alles, auch das Bauchgefühl muss stimmen.Nein! Wichtig ist und bleibt das richtige Bauchgefühl einer Sichtung, das durch den leistungsorientierten Ansatz meines Scoutingbogens, der auf den Instinkt und auf die unverzichtbaren Leistungsgene im Torwartspiel aufmerksam macht, unterstützt wird. Der die Torwartdisziplinen aufzeigt, die im Training leicht bzw. leichter zu verbessern sind, und vor allem auch diese, die im Training kaum bis gar nicht zu verbessern sind. Der den Einsatz der Torwartqualitäten an Hand von unterschiedlichen Drucksituationen und Spielständen beurteilt und dem Beobachter dadurch das tatsächliche Leistungsvermögen des Keepers im Wettkampf näher bringt. Torwartdisziplinen, die im Trainingsbetrieb einfacher zu trainieren sind, können z.B. die Torlinie, das 1 vs. 1 Verhalten, die Aktionsschnelligkeit oder auch die Beweglichkeit sein. Hier kann der gute Torwarttrainer an den richtigen Stellschrauben drehen und den Torhüter durch zielgerichtetes Training Schritt für Schritt nach vorne entwickeln.

Disziplinen wie die einer torwarttypischen Mentalität, wichtiges Spielverständnis, dem Mut und der Nervenstärke beim Flankenspiel oder auch der angeborene Instinkt, in spielentscheidenden Situationen intuitiv richtig zu handeln, sind hingegen Leistungsnachweise, die ein guter Keeper mitbringen sollte, da diese im Torwarttraining kaum zu verbessern sind! Kann ein Keeper in diesen Situationen brillieren, sollten bei dem entsprechenden Scout alle Signalleuchten seines Interesses angehen. Das verwendete Ampelsystem hilft dem Beobachter dabei, auf das Richtige zu achten und, was beinahe noch wichtiger ist, die entscheidenden Spieleindrücke eines Torhüterspiels nicht zu übersehen. Demnach muss auf die schwerer zu trainierenden Torwartdisziplinen bei einer effektiven Sichtung viel mehr geachtet werden. Nach einer mehrmaligen Sichtung - denn einmal sehen reicht nicht aus - dem persönlichen, sehr wichtigen ersten Kennenlernen, dem Einholen externer Meinungen aus dem engeren und erweiterten Umfeld des Keepers entsteht nun ein Leistungsbild, das die Hoffnung auf einen tatsächlich lukrativen Werdegang eines jungen Torhüters nicht nur verstärkt, sondern dem Vereinsanspruch, einen neuen Profikandidaten formen zu sollen, endlich gerecht wird.

Eine 100 %ige Erfolgsgarantie hat man auf Grund der möglichen Stolpersteine, die im Leben eines jungen, heranwachsenden Menschen auftreten können, jedoch nie. Dennoch sollten wir lernen, bei den 13-15-Jährigen richtig hinzuschauen. Denn die Basis des Erfolges wird dort gelegt!

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Thorsten Albustin

Thorsten Albustin

Über den Autor

Thorsten Albustin war vom Sommer 2013 - 2016 hauptamtlicher Torwarttrainer der U17- und der U19-Mannschaft des FC Schalke 04. Zuvor arbeitete er in dieser Position für Rot-Weiß Essen und den MSV Duisburg. Sein gebündeltes Wissen veröffentlichte Albustin 2011 in dem Torwartbuch „Fußball-Torhüter: Das große Praxishandbuch für Spieler und Trainer.

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