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Wirkliche Experten und kompetente Kenner der Torhüterszene wissen die Bedeutsamkeit dieser Spielposition richtig einzuschätzen. Der gute Keeper ist und bleibt der unverzichtbare Rückhalt einer Mannschaft. Er darf ruhigen Gewissens als eine Art Schlüsselfigur bezeichnet werden, durch dessen Mithilfe sich eine gute Mannschaft zu einem Spitzenteam entwickeln kann und der einer schlechteren Truppe die fehlenden, überlebenswichtigen Punkte im Abstiegskampf festhält. Ja, es ist unbestritten, dass ein Top-Keeper seinem Verein mindestens zehn Ligapunkte im Verlauf einer Saison sichert. Ganz gleich in welcher Liga! Kaum ein anderer Sportler hat sich solch einem komplexen Leistungsfeld zu stellen, weder motorisch noch psychologisch.

Der heutige Leistungskeeper darf sich ohne Frage mit den Allroundqualitäten des aus der Leichtathletik bekannten Zehnkämpfers vergleichen lassen, denn auch seine Spielposition zeichnet sich durch ein breitgefächertes Gesamtrepertoire aus. Katzenartige Reflexe und Bewegungsabläufe auf der Torlinie, eine durchsetzungsstarke Lufthoheit im eigenen 16-Meter-Raum, oder auch das situationsgerechte, intuitiv gesteuerte Mitspielverhalten außerhalb des Strafraumes deuten die Breite seiner Aufgabenfelder lediglich an. Spielentscheidende Tugenden wie Spielintelligenz und Nervenstärke kommen ergänzend hinzu. Der Spielposition des Fußballtorhüters gilt es Respekt zu zollen, denn seine handschuhtragenden Akteure müssen sich permanent einem „Schwarz/Weiß - Extrem“ stellen.

Musste sich der Keeper in den 70er und 80er Jahren noch ohne die helfende Hand eines auf seine Spielposition geschulten Spezialisten alleine durchboxen, so darf er sich heute einer besonders motivierten Zuwendung seines Torwarttrainers sicher sein. Dessen Arbeit ist seit Beginn der 90er Jahre im höherklassigen Fußball nicht mehr wegzudenken und wird auch heute von kleineren Vereinen aus dem Breitensportniveau immer mehr genutzt. Der bedeutsame Wert dieser Spielposition wurde endlich erkannt und durch gutes Torwarttraining langfristig gesichert. Dass heutzutage viele junge Torhüter, gerade mal Anfang 20, schon als wertvoller Rückhalt ihrer Mannschaft angesehen werden, drückt den Erfolg dieser Zusammenarbeit eindrucksvoll aus. Denn der 20-jährige Keeper der Gegenwart hat mittlerweile eine komplettere Spielanlage als der 30-jährige „Linientiger“ von einst. Der frühere Slogan „Und die Affen im Tor machen sich bitte selber warm!“ gehört der Antike an und wurde durch eine allgemeine Wertschätzung ersetzt.

Ein weiteres Beispiel dafür ist das deutlich angehobene Jahressalär der Torleute, das mit dem der lukrativsten Feldspieler-Gehälter schon seit längerem locker mithalten kann. Auch die Medien ziehen mit. Dass ein Manuel Neuer, bei all seiner herausragenden Klasse, überhaupt zu der Wahl des Weltfußballers nominiert wurde, darf schon als kleine Sensation bezeichnet werden und deutet einen überfälligen Wandel nicht nur an. Dass er letztendlich sogar den 3. Platz hinter den zwar großartigen, von den Großkonzernen aber auch hochgepuschten Superstars Messi und Ronaldo belegen konnte, setzt dem Ganzen die Krone auf. Dennoch ist dieser Ritterschlag nicht nur mit Neuers famosen Leistungen zu erklären, sondern vor allem mit seiner fast schon revolutionären Spielweise, die einer komplexen Spielposition weiteren Handlungsspielraum hinzufügt hat. Denn den spielentscheidenden Beitrag des Torhüters hat mittlerweile jeder kapiert. Der alkoholisierte Hardcore-Fan genauso wie der im Nadelstreifenanzug glänzende Funktionär. Der erfolgsabhängige und dadurch immer leicht überspannt wirkende Cheftrainer bis hin zum ehrenamtlich tätigen Mannschaftsbetreuer. Glanztaten werden bejubelt, Patzer des Keepers nie in Nebensätzen erwähnt. Denn auf keiner anderen Spielposition ist das Geschrei von ausufernder Kritik so groß. Auf die Auswüchse dieses Szenarios möchte ich hier jetzt aber nicht eingehen (Lesen Sie hierzu bitte „90 Minuten sollten bewertet werden!“). Doch trotz aller positiven Veränderungen ist der mangelnde Respekt auf dem Trainingsplatz weiterhin zu spüren und die Egozentrik unserer Gesellschaftskultur zeigt ihr wahres Gesicht. Beispiele gefällig? Bitteschön! Vielleicht finden Sie sich ja in dem einen oder anderen Fallbeispiel wieder.

Beispiel 1

Diese Aussagen eines Cheftrainers klingen schön und romantisch zugleich: „Wir gewinnen zusammen, und wir verlieren zusammen! Ihr dürft Fehler machen, nur traut euch was zu. Wir müssen nicht gewinnen, wir wollen gewinnen!“. Die Romantik endet dann meistens abrupt nach einer unnötigen Niederlage. Gibt es eigentlich auch notwendige Niederlagen? Lassen wir das. Nein, die Wahrheit ist, dass der ergebnisorientierte Fußball, an dem sich so viele ihr eitles Ego reiben, diesen gutgemeinten Worthülsen keinen Spielraum lässt. Denn nach Niederlagen werden verbale Kugeln abgefeuert und die Suche nach dem Hauptschuldigen wird forciert. Es kann dann schon einmal passieren, dass der Torhüter von dem zuvor gepredigten „Wir-Gedanken“ bewusst ausgeschlossen wird.

Passiert in einer, ja, Sie lesen richtig, U14-Mannschaft. Der überforderte und pädagogisch an Krücken gehende Cheftrainer verweigert dem jungen Torhüter nach Abpfiff als Einzigem seiner „11“ bewusst den Handschlag, bevor er ihn in der darauffolgenden Mannschaftssitzung komplett verbal „rasiert“. Er hat diesen jungen Kerl vor allen anderen bloßgestellt und ihm das letzte Fünkchen an Selbstvertrauen aus seinen Adern gezogen. Lassen Sie es mich vorsichtig ausdrücken. Dümmer kann man sich als Trainer nicht verhalten. Respektloser kann man sich einem jungen Keeper gegenüber, einem Heranwachsenden, in dessen Alter Fehler zu machen einfach nur normal ist, definitiv nicht benehmen. Dass der oben beschriebene Trainertyp null Komma null Ahnung über die Tücken und Umfänge des Torwartspiels hat, die Tragweite seines unqualifizierten Verhaltens selbst nicht versteht, kommt erschwerend hinzu. Das Wort asozial lasse ich jetzt mal bewusst außen vor. Den Begriff Respektlosigkeit würde ich ihm aber am liebsten auf seine Stirn tätowieren! Ein Einzelfall im Jugendbereich? Leider nicht!

Beispiel 2

Nach dem Torwarttraining werden die Torhüter zur Mannschaft gerufen, um für die bevorstehende Spielform bereit zu stehen. Der Torwarttrainer hatte vor Beginn der Einheit das - auf einer in der Spielform markierten Stelle - stehende Tor ca. 20 Meter nach hinten versetzt, um den dort arg ramponierten Rasen an dieser Stelle zu schonen. Eine gute Absicht, die den Platzwart sicherlich gefreut haben wird. Der laute Ruf des Cheftrainers reißt die Keeper aus der immer noch im vollen Gange laufenden Trainingsform heraus und zitiert diese, sich schnellst möglichst zu der Besprechung an die Taktiktafel zu begeben. Man hat ja keine Zeit! Der Blick des Torwarttrainers wirkt resignierend, denn es wären nur noch 2 Bälle bis zum Ende seines Übungsschwerpunktes gewesen.

Die Zeit, das versetzte Tor kurzfristig wieder umzusetzen, ist zu knapp. Von ihm alleine, auch nicht zu schaffen. Vielleicht in Kaiserslautern… Die empörte Verwunderung des Cheftrainers, warum das Tor nicht auf der markierten Stelle steht, lässt, wie überraschend, nicht lange auf sich warten. Denn es ist halt alles, Originalzitat: „Auf die Minute perfekt geplant!“. Ein lächerliches Szenario. Denn das vom Cheftrainer als perfekt empfundene Zeitmanagement entpuppt sich im Regelfall als „Ente“. Denn zeitlich überzogen wird in der Regel länger, als es zu den besten „Wetten dass?“-Zeiten der Fall war. Die obligatorische Frage des Torwarttrainers vor dem Training: „Wie lange habe ich heute die Torhüter?“ Hätte man eigentlich schon am Tag zuvor bekannt geben können. Man bezeichnet sich ja auch sonst immer als so professionell. Die Antwort des Cheftrainers nach kurzem Nachdenken: „Ca. 35-40 Minuten!“, hat mit der Wahrheit aber dann, spätestens mit dem Beginn der Trainingseinheit, nichts mehr zu tun. Denn aus den 35-40 Minuten werden mal wieder 60-70 Minuten. Aus 60 Minuten werden im Regelfall 80-90 Minuten. Sie erinnern sich? Es ist ja alles auf die Minute geplant.

Eine weitere Respektlosigkeit wird zum festen Bestandteil des Tagesgeschäftes. Warum respektlos? Deswegen! Auch der Torwarttrainer plant seine Trainingseinheiten, strebt einen systematischen Aufbau mit einem gezielten Belastungshöhepunkt, einem kalkulierten Trainingsschwerpunkt an und steuert den Ablauf rein zeitlich nach dem zuvor vorgegebenen Zeitrahmen. Diese Planung wird aber fast täglich respektlos übergangen. An dieser Stelle mein Tipp für alle Improvisationskünstler: Sicherlich kann man auch nach Abschluss einer Trainingseinheit etwas „Trainierbares“ anhängen, auflockernde, schwerpunktfremde Übungsformen dazubasteln. Habt aber dennoch auch den Mut, das respektlose Fehlverhalten der Cheftrainer anzusprechen und euren Trainingsblock auch mal dann zu beenden, wenn das Ziel einer Einheit erreicht ist und jegliche, auch noch so attraktive Zugaben, eures Erachtens, sinnlos sind. Die ausweichende Trainer-Antwort: „Es lässt sich halt nicht alles planen!“, lässt dann sicherlich nicht lange auf sich warten. Aber wehe dem, der das Tor mal verrückt. Denn es geht, man höre und staune, um jede Minute…

Beispiel 3

„Jetzt weißt du, wie es ist, Trainer zu sein!“, lautet die süffisante Reaktion eines Cheftrainers auf die Nachricht, dass sein hauptamtlich tätiger Torwarttrainer seit kurzem auch noch eine Amateur A-Liga-Mannschaft trainiert. Natürlich, nur nebenbei. Der sichtlich überraschte Torwarttrainer antwortet folgerichtig: „Du, das sehe ich aber ein wenig anders! Denn als Trainer hatte ich mich in meiner Aufgabe als Torwarttrainer eigentlich schon immer gefühlt!“. Eigentlich hätte er sich seine Antwort auf diese Respektlosigkeit ersparen sollen. Denn dumme Aussagen sollte man eigentlich müde lächelnd ignorieren. Setzt man sich hingegen tiefer mit dieser auseinander, springt einem die respektlose Schwere dieser Antwort nahezu an. Und zwar in Form eines Panthers, mit ganz langen Klauen! Denn der Torwarttrainer heißt ja nun einmal nicht Torwartbetreuer! Und das hat, man höre und staune, auch seine Gründe! Denn er hat bis dato eine Vielzahl von Keepern bis zu deren Leistungszenit entwickelt. Er hat Torhüter einzeln oder auch in Gruppen von bis zu zehn Schnappern nachhaltig geformt. Und er hat sich detailversessen allen Disziplinen dieser komplexen Spielposition gewidmet, diese im Laufe der vielen Jahre immer weiter perfektioniert und sein ganzes pädagogisches und psychologisches Geschick in alle Gespräche strategisch verpackt. Diesem beschämenden Vorfall weitere Worte hinzuzufügen, möchte ich Ihnen ersparen. Ach doch, eines noch. Liebe Kollegen aus den Einzelsport-Feldern des Tennis- und des Golfsportes. Bitte seht euch als hochqualifizierte Trainer an. Ihr habt es euch redlich verdient. Und lacht ein wenig mit mir … !

Beispiel 4

Auch der Co-Trainer steht diesen Verhaltensweisen sehr häufig in Nichts nach. In der Trainerhierarchie eigentlich mit dem Torwarttrainer gleichgestellt, entpuppen sich manche Exemplare in der Praxis als selbstüberschätzende Wichtigtuer. Es kommt nicht selten vor, dass diese Gruppierung der „Hütchen-Fraktion“ ihr Revier gerade in dem vom Torwarttrainer gebuchten Bereich markieren will. Der energische Hinweis, dies doch zu lassen, hilft in der Regel, ohne dass sie es tatsächlich begreifen. Manch einer kommt „reinquatschend“ in eine aktiv laufende Übungsform, um mit weiteren Banalitäten „Denke dran, in 10 Minuten brauchen wir die Torhüter!“ zu nerven. 10 Minuten? „Da habe ich ja noch ausreichend Zeit!“. (Sie wissen, was ich meine…)! Was glauben Sie, was passieren würde, wenn man auf diese Art und Weise eine vom Ch-Co-Tr veranlasste Passform unterbrechen würde. Ein handfester Skandal wäre das! „Wie kannst du nur, hey, ich arbeite, habe keinen Blick/Gedanken für etwas Anderes! Ich bin Profi…“ Und viele dieser Möchtegern-Chef-Coaches haben logischerweise auch die Weisheiten des Torwartspieles mit Löffeln gefressen. Sie verweigern sich jedem weiteren fachlichen Rat, sind selber aber nicht größer als ein Eishockeytor. Jetzt werde ich unsachlich. Ach, egal … !

Die sportliche Leitung, nein, besser die theoretische Leitung und der vom Torwartspiel allwissende, in der Realität aber komplett ahnungslose Mopp des Scoutings, stört mit wöchentlichen Beurteilungen a la „Sky TV“. Bei dem einen muss der kommende Keeper-Star mindestens 1,95 Meter groß sein, um überhaupt einen Hauch von Perspektive zu haben, beim anderen wird von Woche zu Woche der Status Quo eines Entwicklungsprozesses hinterfragt. Wurde der Keeper in Woche 1 noch für gut befunden, so stagniert er mindestens mit dem Ausklang von Woche 2, und hat nach Abschluss der Woche 3 kaum noch Chancen auf die von allen angestrebte, aber nur dem eigenen Profit zu dienende Profikarriere. Etwas überspitzt? Vielleicht! An der Wahrheit vorbei? Definitiv nicht! Der mangelnde Respekt, Trainern und Torhütern die notwendige Zeit zu schenken, wird profitorientiert und eigennützig verweigert. Dass die eigene Laufbahn schon mit 20 beendet wurde, in einem Alter, in dem richtige Karrieren erst einmal beginnen, wird hingegen feige verdrängt. Kritisieren ist halt einfacher als es selber zu machen. Wie gesagt, Respekt ist Glücksache und hat bei wirklich erfolgreichen Vereinen seinen Platz gefunden.

Gerade auf der Torwartposition, die mehr an Fein- und Fingerspitzengefühl abverlangt als alle anderen. Wie gesagt, Respekt ist Glücksache! Horrorshow „Realität“: In der am Ende eines Tages meist nur der „TV-Experte“ gefragt wird, der zuschauende und manipulierte Meinungsempfänger zustimmend nickt und die eigentlich Kompetenten unserer Nation entgeistert und frustriert in die Röhre schauen! Was für eine Welt!

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Thorsten Albustin

Thorsten Albustin

Über den Autor

Thorsten Albustin war vom Sommer 2013 - 2016 hauptamtlicher Torwarttrainer der U17- und der U19-Mannschaft des FC Schalke 04. Zuvor arbeitete er in dieser Position für Rot-Weiß Essen und den MSV Duisburg. Sein gebündeltes Wissen veröffentlichte Albustin 2011 in dem Torwartbuch „Fußball-Torhüter: Das große Praxishandbuch für Spieler und Trainer.

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