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„Glück ist wie Sonnenstrahlen auf der Hotelzimmerwand!“ Viele von uns können diese Weisheit sicherlich unterschreiben und wissen, dass echtes Glück im gehetzten Alltag eher rar gesät ist und vor allem schon gar nichts mit den finanziellen Lockrufen unserer Welt gemein hat. Dafür sind diese Dinge viel zu vergänglich. Echtes Glück hat vielmehr mit den emotionalen Momenten unseres Lebens zu tun, die uns dann nachhaltig in Erinnerung bleiben. „Richtig glücklich zu sein!“ ist ein zumeist kurzer Zeitraum und springt uns vielmehr punktuell entgegen. Berührt uns aber auch deswegen ganz besonders. Doch das Glück muss man sich hart erarbeiten und kann sprichwörtlich „Nur der Tüchtige!“ für sich gewinnen. Denn der Reiz einer bewältigten Herausforderung wird halt mit jenem belohnt! So oder so, allein der Versuch, unser Glück heraus zu fordern sollte uns mit Stolz erfüllen! Der Mut einer mit Adrenalin erfüllten, schweißtreibenden Aufgabe entgegen zu treten haucht uns echtes Leben ein und trägt das unnachahmliche Gefühl „Etwas geschafft zu haben!“ mit sich. Der Sport - ganz gleich in welchen Bewegungsfeldern - bietet davon ohne Frage zu genüge und wird von vielen Menschen beinahe sehnsüchtig gesucht. Der Fußball kann in dieser „Wohlfühl-Palette“ für die vielleicht emotionalsten Momente sorgen. Gerade das Fußballtorwartspiel steht für das permanente Messen im Grenzbereich! Mensch vs. Aufgabe. Wow! Was kann es schöneres geben? Der echte Keeper will und muss sich behaupten und möchte den Widrigkeiten, den Husarenaufgaben dieser Spielposition nachhaltig Paroli bieten. Den Reiz des ultimativen Adrenalinkicks erleben. Den spielentscheidenden Kick, der süchtig machen kann und darf. Natürlich im positiven Sinne!

Freistoß von Robert Lewandowski, beim Spiel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach am 22.10.2016.Ähnlich geht es dem Bergsteiger. Auch für ihn ist der Drang, den Gipfel zu erklimmen, die Erfüllung eines immer wiederkehrenden Traumes, auch wenn der Weg dorthin, noch so schwer fallen mag. Der Gipfel, der Himalaya des Torhüters ist der gehaltene Ball! Der entscheidende Ball, der Big-point, ja, eigentlich der „Unhaltbare“! Ganz einfach im “Alles oder Nichts“ zu bestehen! Das gegenwärtige Tun ist dabei nicht immer glückauslösend – dafür ist es meistens viel zu anstrengend – sondern das anschließende Gefühl, es mal wieder geschafft zu haben. Kämpfer kämpfen und werden gerade deswegen auch belohnt werden. Zumindest auf lange Sicht! Diese Situationen sind einzigartig und eigentlich kaum zu beschreiben. Lassen Sie es mich dennoch versuchen. Zum Beispiel so: Gegnerischer, frontaler Freistoß aus ca. 20 Meter, 75. Spielminute, Spielstand 0:0. Welche emotionalen Momente „schlagen“ auf den Keeper ein? Wie ist seine, oftmals nur vom Unterbewusstsein gesteuerte Gedankenwelt? Wie lässt sich dieser emotionale Ausnahmezustand bildlich beschreiben? Spielen wir dieses Szenario mit Hilfe unseres Kopfkinos doch einfach mal nach. Machen Sie mit!

Stephen Sama gibt Mitchell Langerak Tips vor einem bevorstehenden Freistoß.0:0, 75. Spielminute: Ein bis dato gerechtes Ergebnis, da sich die beiden nahezu gleichstarken Mannschaften gekonnt neutralisieren und durch ihre geschickten Spielanlagen tadellos verteidigen. Die Trainer haben einen guten Job gemacht und die Keeper auf beiden Seiten sind bis weilen weitestgehend beschäftigungslos. Der unwissende TV-Reporter würde jetzt von einem „ruhigen Keeper-Nachmittag“ sprechen. Wir Torhüter hingegen wissen, wie schwierig ein beschäftigungsloses 0:0, besonders in der Schlussphase sein kann. Denn ein nächster, vielleicht auch noch mehrere spielentscheidende Momente können für beide Keeper definitiv noch kommen. Höchste Konzentration ist angesagt und „einschlafen“ natürlich strengstens verboten!

Gerade deswegen: Der dribbelstarke, gegnerische Mittelfeldspieler tankt sich durch die in plötzlich unorganisierte, eigene Mittelfeldreihe durch. Die Antennen aller Aufmerksamkeiten fahren beim Keeper aus und der erhöhte Pulsschlag kündigt die heranrauschende Gefahr spürbar an. Der offensiv angelaufene Innenverteidiger weiß sich nicht anders zu helfen und kann den ballsicheren Gegenspieler nur per Foulspiel stoppen. Der Pfiff des hier richtig liegenden Schiris ertönt und entscheidet auf Freistoß. Hart (für den Keeper!), aber fair (So sind die Regeln…)! Frontal und direkt auszuführen, aus etwa 20 Metern. Der Druck seiner Spielposition fährt dem Keeper just in diesem Moment wie ein Blitz durchs Mark und der Adrenalinspiegel steigt bis in die Haarspitzen an. Äußere Einflüsse nimmt er von nun an nicht mehr wahr. Die Herausforderung des „Jetzt kommt es auf dich an!“ vereinnahmt jede Faser seines Ichs, fokussiert ihn einzig und allein auf das nun Kommende! Alles verläuft ab jetzt intuitiv. Wobei das Wort „intuitiv“ nicht für Erleichterung sorgen wird! Denn der bei erfahrenden Keepern schon hundertfach durchlebte Moment hat an seiner Tragweite nichts verloren! Der Déjà-vu-Effekt bleibt und die Situation beherrscht die eigene Gefühlslage, nicht die Erfahrung! „Denn jetzt musst man seinen Mann stehen!“. Mal wieder…Sekt oder Selters, Alles oder Nichts! Glück oder Unglück!

Das lautstarke, aber zielgerichtete Stellen der Mauer, die eigene, darauf folgende Positionierung im Tor. Business as usual! Und dennoch… Das unbehaglich ansteigende Adrenalin einer sich stetig steigernden Erwartungshaltung wird sich erst nach dem Treten des Freistoßes in ein „Besseres, Erträglicheres“ auflösen. Das Unterbewusstsein wird aktiviert. Die innere Stimme macht sich breit: Eine Menge! Das unbeschreibliche Gefühl des Erfolges, das der eigenen Inszenierung: Schieß! Verdammt, schieß endlich!

Alle Anspannung fällt ab: Roman Weidenfeller nach einem gehaltenen Elfmeter im DFB-Pokal Spiel gegen Union Berlin.

Der erfahrene Keeper weiß die unterstützende Wirkung seines Unterbewusstseins zu nutzen, kann sie kontrollieren, hat gelernt, den negativen Zauber seiner Gedankenautomatismen in Schach zu halten. Hat im Idealfall sogar die Gabe erlernt sich beinahe gedankenlos fokussieren zu können, ohne den leistungsfördernden Push einer mit Adrenalin durchströmten Anspannung zu verlieren. Denn ohne die geht rein gar nichts! Der Schütze läuft an und schlenzt den Ball gekonnt über die Mauer in Richtung rechtem Torwinkel. Das Gespür des Keepers war richtig und er setzt zeitgleich zur Parade an. Kreuzschritt, Ausfallschritt rechts und…Abdruck!! Alles für den einen Moment! Gedankenlos, aber mit dem sich ausbreitenden Gefühl des „Den packe ich mir!“ spürt er wie seine Hand den Ball in Richtung „Glück!!“ lenkt und wehrt den sehr gut platzierten Freistoß per Übergreifen spektakulär zur Ecke ab. Der „Unhaltbare“ ist bezwungen! Genial! Geist und Körper schreien laut „Hurra!“ und das Glücksgefühl schießt schon beim Fallen durch seine Adern und lässt ihn beim Aufstehen mindestens einen ganzen Meter größer werden. Pure, hochdosierte Energie, pulsierende Lebensfreude. Nicht vergleichbar! Die Shakehands der sich annähernden Mitspieler werden wie unter Strom stehend leidenschaftlich, aber eher wie in Trance erwidert, der Beifall, das Raunen der Zuschauer streichelt seine Seele, scheint aber ganz weit weg zu sein.

Der Rausch des Adrenalinkicks hält den Keeper fest in seinem Bann und lässt ihn das vielleicht größte Sportlerglück dieser Erde spüren. Die glücklichsten Momente seines Lebens! Den Sieg über die Herausforderung! Der Blick geht anschließend Richtung Eckfahne, der Schütze legt sich den Ball zu Recht, die Anspannung kehrt zurück! Und das „muss!!!“ auch so sein! Denn wir schreiben die 77. Spielminute. Und da kann noch viel passieren…

Euer Thorsten Albustin!

TorwartspielTraining

Thorsten Albustin

Thorsten Albustin

Über den Autor

Thorsten Albustin war vom Sommer 2013 - 2016 hauptamtlicher Torwarttrainer der U17- und der U19-Mannschaft des FC Schalke 04. Zuvor arbeitete er in dieser Position für Rot-Weiß Essen und den MSV Duisburg. Sein gebündeltes Wissen veröffentlichte Albustin 2011 in dem Torwartbuch „Fußball-Torhüter: Das große Praxishandbuch für Spieler und Trainer.

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