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Schalke Arena, Samstag, 21. Februar 2015. Der 19-jährige, blutjunge Torhüter Timon Wellenreuther macht sein 4. Bundesligaspiel für „Königsblau“. Wie in den drei Spielen zuvor besticht er erneut durch seine unglaubliche Ruhe, super Reaktionen auf der Torlinie und mit einer - insbesondere für sein Alter - fantastischen Lufthoheit im gesamten 16-Meter-Raum. Der Großteil der mehr als 60.000 Zuschauer in der ausverkauften Arena ist sich in einem einig: Das Greenhorn dort unten im Schalker Gehäuse macht mal wieder ein überragendes Spiel!

Mit dabei im weiten Rund: Ich selbst. Eine Selbstverständlichkeit. Denn auch ich hatte in der Saison davor mein Bestes gegeben, Timon und seine Torhüterkollegen auf diese Momente akribisch und mit totalem Herzblut vorzubereiten. Alles geben für die vielleicht spielentscheidende Aktion! Dass er es so schnell schaffen würde, konnte ich zum damaligen Zeitpunkt natürlich noch nicht erahnen. Ein wenig Stolz und Zufriedenheit breitete sich in mir aus, als ich in der gerade begonnenen Nachspielzeit den Schlusspfiff herbeisehnte. „Verdammt!“, dachte ich mir, „pfeif das Dingen endlich ab!“. Denn die Schalker Mannschaft führte auch, nein, dank Wellenreuther, knapp mit 1:0. Die 93. Minute begann und kam nicht nur mir, viel zu lange vor. Die Bremer setzten entschlossen zu einem letzten Offensivversuch an und kombinierten sich gegen eine immer nervöser werdende S04-Elf bis zum 16er durch. Der Ball gelang nach außen. Der Bremer Spieler wurde bei der Ballannahme gestört, jedoch gefoult. „Mist!“, schoss es mir durch den Kopf. Freistoß und zugleich letzte Aktion. Ein bedrohliches Raunen hallte durch das Stadion. Alle Bremer und auch Schalker Spieler belagerten nun den Strafraum. Doch was machten die Schalker? Viel zu tief ließen sich die „Cracks“ in Richtung 5-Meter-Raum fallen.

Timon Wellenreuther am 21. Februar 2015 in der Partie gegen den SV Werder Bremen.

Mein nervöser Magen signalisierte mir nichts Gutes. Ich spürte den bevorstehenden Supergau. Denn eine verdammt schwierige Situation bahnte sich für meinen Keeper an. Der Freistoß flog relativ flach, aber scharf getreten in Richtung 5-Meter-Linie, der robuste Pulk der Bremer Hünen rauschte entschlossen in Richtung Tor und die Schalker Abwehrstrategen schlossen sich unfreiwillig an.

Eine schier undurchdringliche Wand bildete sich vor Wellenreuther und es entstand eine Situation, in der ein Torhüter sehr oft nur verlieren kann. Es kam, wie es kommen musste. Wellenreuther machte drei Schritte vor, einen zurück, wieder einen vor und verlor, eine Zehntelsekunde zu spät ankommend, das Luftduell mit dem Bremer Ausgleichsschützen. 1:1 lautete der Endstand, und das zögernde Verhalten in einer sehr schwer zu verteidigenden Aktion überschattete in der Spielnachbereitung die zuvor herausragende Torwartleistung. Fehlerfaktoren für diesen ärgerlichen Ausgleichstreffer in der Nachspielzeit gab es viele. Wellenreuthers Zögern und zu spätes Eingreifen gehörten ohne Frage dazu. Doch diese Situation, in der er vielleicht auch zu viel Zeit zum Nachdenken hatte, wurde ihm durch ein schlechtes, mannschaftstaktisches Defensivverhalten zusätzlich erschwert. Nichtsdestotrotz sind es aber Situationen, die besonders in Stress- und Druckmomenten für den Torhüter schwerer zu meistern sind als die zum selben Zeitpunkt gezeigte Glanztat beim 1 vs.1 oder auf der Torlinie. Denn der Keeper hat hier mit den Faktoren Zeit und Konsequenz zu kämpfen, die aus einer ohnehin schon schwierigen Situation eine noch viel schwierigere machen können. Situationen, in denen ein Keeper die Zeit zum Nachdenken gewinnbringend nutzen muss, sind demnach die wahren Meilensteine einer Torhüter-Laufbahn. Schauen wir uns die Situationen, in denen ein Torhüter intuitiv oder „bewusst wahrnehmend“ handelt, mal etwas genauer an. Denn das sind die Momente, in denen er nur gewinnen oder auch nur verlieren kann. Die ihn zum Helden oder zum Deppen machen.

Beispiele: „Intuitive Situationen“

  • Der Eckball
  • Der Freistoß aus dem Halbfeld
  • Der direkt getretene, frontale Freistoß außerhalb der 16-Meter-Linie
  • Der Pass in die Nahtstelle

In den „intuitiven“ Situationen kann sich der Keeper als letzter Retter seiner Elf profilieren und als „Turm in der Schlacht“ herausragen, da er mit einer vereitelten Großtat seine Mannschaft eindrucksvoll im Spiel hält. Das sind spektakuläre Aktionen, die aber rein psychologisch einfacher sind, da der Keeper hier von seinen antrainierten Reflexen und automatisierten Bewegungsabläufen profitiert. Er handelt hier quasi „gedankenlos“ und steht auch nicht so sehr in der öffentlichen Bringschuld. Die „wahrnehmenden“ Situationen lassen diese Art von Leichtigkeit meistens nicht zu. Sie sind zwar rein technisch oder motorisch leichter zu erlernen, durch den mentalen Stress häufig aber schwieriger zu meistern.

Torhueter Rafal Gikiewicz von Eintracht Braunschweig versteckt enttäuscht sein Gesicht unter dem Trikot.Der Torhüter hat hier mit der Bürde des „Jetzt liegt es an Dir!“ zu kämpfen und hat zudem noch wesentlich mehr Zeit, über die Konsequenz der nächsten, vielleicht spielentscheidenden Aktion, nachzudenken. Nirgendwo anders wird ihm die tatsächliche Bürde dieser Spielposition so bewusst. Herausforderungen, die in Zeiten einer stabilen Form durch das positive Gefühl eines starken Selbstbewusstseins einfacher zu lösen sind, können insbesondere in nervösen Momenten oder bei einer anhaltenden Formkrise zu echten Stolpersteinen werden. Die ursprüngliche Leistungsstärke des Keepers nimmt ab und das verheerende Ausmaß eines negativen Kopfkinos nimmt zu. Dem zuschauenden Umfeld fällt diese Verunsicherung beispielsweise durch das obligatorische Zögern eines Torhüters auf, das durch die „Jetzt bloß nichts falsch machen!“ – Denkweise, auch dem Laien nicht verborgen bleibt. Denn die „wahrnehmenden“ Situationen lassen ein Gewinnen nicht zu, da sie von einer selbstverständlichen Erledigungspflicht geprägt sind. Der Zuschauer denkt nämlich so: „ Das ist ein leichter Ball. Den muss er einfach haben. Das ist doch nichts Besonderes!“ Ein Gegentor nach einem 1 vs.1 ist zwar ärgerlich, aber halt nicht zu ändern. Ein Gegentor nach einer unterlaufenden Flanke, einer verweigerten Flanke im/am 5-Meter-Raum ist hingegen ein vor Außenstehenden zu rechtfertigender Torwartfehler. Spielszenen mit den Faktoren Zeit und Konsequenz lassen sich, besonders in Zeiten einer Formschwäche, nicht so einfach wie viele denken lösen, da die Erledigungspflicht des Keepers zum „Rucksack“ werden kann.

Ralf Fährmann schlägt sich vor Freude über den Heimsieg fassungslos die Hand vor sein Gesicht.Ein Keeper, der dauerhaft bestehen will, muss sich aber genau diesen Situationen stellen. Mentale Techniken können ihn dabei unterstützen. Der Torhüter wird lernen müssen, seine Gedankenwelt wirksamer einzusetzen. Einen positiven Gedankenkreislauf wie - „positive Gedanken ⇒ gutes Gefühl ⇒ entschlossene Handlung ⇒ gelungene Aktion“ ⇒ vorteilhaft, für sich zu nutzen. Diese Technik wird in spielentscheidenden Situationen von immenser Bedeutung sein. Denn hier trennt sich die Spreu vom Weizen! Salopp ausgedrückt, über den Status „Held oder Depp!“ Und sie wird die eigentliche Leistungsstärke des Keepers sichern, jedoch, bei falscher Handhabe, auch entsprechend verringern. Berechtigterweise könnte man jetzt anmerken, dass gar nichts zu denken das Beste aller Heilmittel wäre. In der Tat, eine wirklich attraktive Alternative! Doch, und jetzt bitte Hand aufs Herz, wer kann das, vor allem in Stress- und Drucksituationen, schon von sich behaupten? Der numerische Großteil sicherlich nicht. Nein, das Erlernen einer erfolgreichen Gedankenstrategie ist unverzichtbar und wird sich auszahlen.

Beispiel: Defensiver Eckball bei einer 1:0-Führung in der 89. Minute: Dem positiven Gedanken („Den Ball hol ich mir, ich bin gut drauf!“) wird ein gutes Gefühl (Stärke und Sicherheit) folgen. Eine optimale Handlungsbereitschaft (sichtbare und echte Entschlossenheit) auslösen und positiven Einfluss auf die finale Aktion (präsente Dominanz) haben. Das negative Pendant ersparen wir uns. Wir wollen ja keinen negativen Zauber entfachen … Eine mentale Robustheit ist demnach unverzichtbar, da auch das zuschauende, selbst nie im Tor gestandene Umfeld, auf die Situationen im Torwartspiel einfach anders reagiert. Die Schwierigkeiten der als viel zu einfach eingestuften Momente einfach nicht kennt. Woher auch? Beispiele gefällig? Bitteschön:

Das Flankenspiel

  • Der unberechenbare Einfluss des Gegenwindes verändert die Flugbahn des Balles und lässt diesen z.B. „zu kurz werden“. Dem Zuschauer, nicht bewusst.
  • Die tiefstehende Sonne, die den abzufangenden Ball einfach „verschwinden“ lässt. Nie gehört, weil nie erlebt!
  • Der durch den Regen durchtriefte, nasse Ball. Der tiefe Untergrund, der keinen Stand mehr zulässt. Und „Freund & Feind“ stürmen dennoch heran. Verständnis? Natürlich nicht.

Da macht es verständlicherweise erst recht keinen Sinn, diesen Leuten den unbestrittenen Einfluss von Zeit und Konsequenz zu erläutern. Vergebene Liebesmüh, glaubt mir! Nein, das zuschauende Umfeld unterteilt das Torwartspiel eigentlich nur so: In Situationen, die ein Torhüter verpflichtend zu lösen hat, und in Situationen, in denen er bitteschön zu glänzen hat. Nachvollziehbarkeit? Wohl kaum. Mal unter uns: Muss es ja auch nicht! Denn der Reiz, diesen Schwierigkeiten zu trotzen und weitere Hürden erfolgreich zu überwinden, ist und bleibt die eigentliche Faszination dieser Spielposition. Eine Faszination, die den ambitionierten Keeper nicht mehr los lassen wird. Denn das belohnende Gefühl des „Es geschafft zu haben!“ kommt mit dem Abpfiff und entschädigt letztendlich für alles! Die Arbeit an den psychologischen Disziplinen darf dabei aber nicht zu kurz kommen. Denn ohne sie würde das auf dem Trainingsplatz hart antrainierte Leistungsvermögen eines Keepers viel zu selten zu sehen sein.

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Thorsten Albustin

Thorsten Albustin

Über den Autor

Thorsten Albustin war vom Sommer 2013 - 2016 hauptamtlicher Torwarttrainer der U17- und der U19-Mannschaft des FC Schalke 04. Zuvor arbeitete er in dieser Position für Rot-Weiß Essen und den MSV Duisburg. Sein gebündeltes Wissen veröffentlichte Albustin 2011 in dem Torwartbuch „Fußball-Torhüter: Das große Praxishandbuch für Spieler und Trainer.

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